Weihnachtsmärchen im Schauspiel Leipzig verzaubert alle Altersgruppen

Kategorie: Theater in Leipzig Veröffentlicht am Montag, 16. November 2015 Geschrieben von E. Engelhardt

DDR-Kinderbuch-Klassiker „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ als großes Theaterspektakel

 

Die Helden des Weihnachtsmärchens / Foto: Rolf Arnold Schon im Foyer des Leipziger Schauspielhauses wurden die kleinen und großen BesucherInnen auf das diesjährige Weihnachtsmärchen eingestimmt. Der Weihnachtsbaum, von großen Edelsteinen umgeben und teilweise mit kleinen behangen, strahlte durch die Scheinwerfer in extra grünem Licht, als sei er direkt aus der Smaragdenstadt importiert worden.

 

Trotz der Anschläge am Vortag in Paris entschied sich das Schauspiel Leipzig sein Weihnachtsmärchen „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ am 14. 11. 2015 wie geplant aufzuführen. Darüber wurde das Publikum mit aufgestellten Tafeln im Foyer informiert. Es war eine gute und vor allem für Kinder die richtige Entscheidung, die ihnen einen spannenden und unterhaltsamen Nachmittag im Schauspielhaus ermöglichte. Tief in die Trickkiste griff Regisseur Stephan Beer bei der Umsetzung des märchenhaften Romans auf die Bühne; er bot ein effektvolles Theaterspektakel auf.

 

Schon der Wirbelsturm am Anfang, den die böse Hexe Gingema auslöst, um Menschen und Tiere zu vernichten, erscheint als Animation auf einen durchsichtigen Vorhang projiziert und lässt Sturm und Hexe als Schattenrisse immer größer und bedrohlicher wirken. Die Altersempfehlung für das Stück, ab 6 Jahren, ist durchaus gerechtfertigt. Leider hielten sich nicht alle Eltern an diese Vorgabe, sodass der gruselige Beginn des Stückes von weinenden Kleinkindern begleitet wurde. Die kleine Elli, gespielt von der mädchenhaften Sina Martens, läuft aus dem Sturmkeller in dem sie sich mit ihren Eltern in Sicherheit bringen wollte wieder hinaus, weil sie ihren Plüschhund Totoschka vergessen hat. Das wird ihr zum Verhängnis, denn der Tornado trägt sie mitsamt Haus aus dem heimatlichen Kansas direkt ins Zauberland.

 

Die Käuer aus dem blauen Land / Foto: Rolf Arnold Die Landung im blumenreichen blauen Land der Käuer, wie dieser Abschnitt der Region heißt, ist vor allem Hexe Gingema schlecht bekommen, die vom Häuschen glatt erschlagen worden ist. Nur die Beine der Hexe ragen noch hervor. Kaum angekommen in der wunderbaren neuen Welt wird Elli zur Heldin und Befreierin der Käuer erklärt, die unter der Herrschaft der Hexe litten. In wundervollen blumenartigen Gewändern, halb Blüte, halb Reifrock (Kostüme: Kristina Böttcher) präsentieren sich die Bewohner des blauen Landes. Von hier beginnt Ellis Reise zurück in die Heimat, die sie in die titelgebende Smaragdenstadt führt und eine Menge Abenteuer für sie bereithält.

 

Willina, die Fee des Gelben Reiches / Foto: Rolf Arnold Willina, die Fee des Gelben Reiches, von Anne Cathrin Buhtz im gelben Tortenkostüm herrlich vergesslich und mit Hang zur Selbstüberschätzung gespielt, zeigt Elli den Weg, der zu Goodwin, dem Zauberer der Smaragdenstadt, führt. Die Inszenierung deutet an, dass beide wohl einmal ein Verhältnis hatten, das keinen guten Ausgang nahm. Der Zauberer sei aber mächtig genug um Elli wieder nach Hause zu bringen. Davon geht die Fee fest aus.

 

Scheuch und Elli lernen sich kennen / Foto: Rolf Arnold Auf ihrer Reise lernt das Mädchen drei Gefährten kennen, die ihre Freunde werden und denen sie bei der Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche behilflich ist. Eine Volgelscheuche namens Scheuch befreit sie von ihrem Gestänge, bringt ihr das Laufen bei und nimmt sie mit zum Zauberer. Tilo Krügel spielt den Strohkopf liebenswert sympathisch, richtig zum Knuddeln, wenn Stroh nur nicht so piksen würde. Der sprechende Scheuch wünscht sich so gern ein Gehirn, da er Verstand als das Wichtigste im Leben erachtet. Mit seinen Wortverdrehungen und Wortspielen sorgt er beim jüngeren Publikum für Erheiterung und herzhaftes Lachen (Elli: „Komm mit, zum Zauberer der Smaragdenstadt!“ - Scheuch: „Ein Zauberer, der Smaragde kackt?“).

 

Der Eiserne Holzfäller ist eingerostet / Foto: Rolf Arnold Nicht zum Lachen zumute ist dem Eisernen Holzfäller den die beiden im Wald finden und der so viel geweint hat, dass alle seine Gelenke eingerostet sind. Mit ein bisschen Öl kann Elli ihm vorerst helfen. Seinen größten Wunsch kann allerdings auch hier nur Zauberer Goodwin erfüllen. Der Eiserne Holzfäller ist zwar ein Wunderwerk der Mechanik, doch hat ihm sein Erbauer kein Herz mitgegeben. Dirk Lange vermag es trotz roboterhaftem Spiel auch die sensiblen Seiten seiner Figur herauszuarbeiten, die auch ohne Herz schon viele Empfindungen zeigt. Da der Holzfäller ein mitfühlendes Wesen sein möchte, sehnt er sich sehr nach einem Herzen, auch wenn Scheuch ihm die Vorzüge eines Gehirns aufzählt. Während zwischen Vogelscheuche und Holzfäller ein kleiner Streit entsteht, welches der beiden Dinge notwendiger ist, treffen sie im Wald auf ein weiteres Wesen, das einen sehnsüchtigen Wunsch verspürt: Essen.

 

Der Menschenfresser singt ein Lied / Foto: Rolf Arnold Das hungrige, erst niedliche und etwas an einen vieräugigen Chewbacca erinnernde Geschöpf entpuppt sich bald als grausiger Menschenfresser. Durch eine List ist es ihm gelungen Elli von ihren Freunden zu trennen und sie zu fesseln. Mittels einer mobilen Küche auf Rädern will das Monster sie gleich zubereiten und verspeisen. Während Elli im Kessel mit Karotte als Knebel im Mund vor sich hin köchelt, es dampft schon aus dem Ofenrohr der Küche, singt der Menschenfresser (Hartmut Neuber - gruselig geschminkt) ein Lied, wie Menschen am besten zu genießen sind.

 

Auch das ist eine der großen Stärken der Inszenierung, die viel mit Live-Musik arbeitet. Die beiden Musiker Jan S. Beyer und Jörg Wockenfuß verhelfen dem Stück mit unterschiedlichen Instrumenten wie Schlagzeug, Gongs, Gitarren, Keyboard, Synthesizer zu Leben und Atmosphäre und auch zu richtigen Liedern. Außerdem passen sie sich durch die jeweiligen Kopfbedeckungen der aktuellen Umgebung an, in der gerade gespielt wird. Glücklicherweise kann Elli durch ihre Freunde vom Menschenfresser befreit werden, der anders als in der Romanvorlage nicht getötet, sondern auf die Suche nach seiner Familie geschickt wird.

 

Ebenfalls im Wald begegnet die kleine Gesellschaft dem vierten im Bunde. Ein feiger Löwe (Marcus Kaloff, im aufblasbaren Muskelanzug) erschreckt zwar die Zauberwesen, wird von Elli aber ganz schön zusammengestaucht dafür. Es fehle ihm an Mut und deswegen vergreife er sich nur an Schwächeren, stellt sie prompt fest und macht dem Löwen damit gehörig Angst. Mut ist auch eine Zutat, die der Zauberer wohl vorrätig habe und somit schließt sich auch der Löwe der Reisegesellschaft an.

 

Im Mohnfeld der Trugbilder / Foto: Rolf Arnold Ein Rudel Säbelzahntiger könnte dafür sorgen, dass der Weg schneller als geplant vorbei ist, aber mit dem Mut der Verzweiflung und einem mächtigen Brüllen vertreibt der Löwe diese. Sein erster Versuch ist mit einem leisen „Miau“ noch fehlgeschlagen. „Sind sie weg“, fragte er die anderen und bekam ein „Nicht ausnahmslos“ vom Scheuch zur Antwort, während das Publikum sah, dass sich die Tiger sogar noch vermehrt hatten. Natürlich gab es keine echten Säbelzahntiger auf der Bühne – die sind ja auch ausgestorben – aber die Inszenierung bedient sich eines Tricks. Auf die Bäume des Waldes werden gierige gelbe Augenpaare gestrahlt, die den ganzen Wald zu einer Bedrohung machen. Aber die Freunde entkommen, nur um sich kurz darauf dem nächsten Hindernis gegenüber zu sehen. Die Bühne füllt sich mit roten Luftballons unterschiedlicher Größe. Damit beginnen alle zu spielen, werden aber gleichzeitig eifersüchtig aufeinander und verlieren sich fast innerhalb ihrer Trugbilder und Wünsche. Es ist ein schönes Bild, das hier für das Mohnfeld gefunden wurde. Mit dem Zerplatzen der Ballons – übrigens einer Idee der Vogelscheuche – schaffen sie es dem Mohnfeld zu entkommen.

 

Audienz beim Zauberer der Smaragdenstadt /Foto: R. Arnold Endlich haben sie die Smaragdenstadt erreicht, bekommen die vorgeschriebenen grünen Brillen von Torwächter Din Gior (wieder Hartmut Neuber diesmal in hohen blinkenden Plateaustiefeln und mit grünem Bart) verordnet, und sehen endlich den großen Zauberer Goodwin (Andreas Herrmann). Oder vielmehr sie sehen ihn nicht, denn er lässt sich nicht blicken, zeigt nur ein fratzenhaftes Gesicht und singt stattdessen ein Lied in Rammstein-Manier wie groß und mächtig er doch sei. Das kommt mehr als aufgeblasen daher, zeigt bei den Bittstellern aber Wirkung.

 

Ebenfalls sehr wirkungsvoll ist der Audienzraum des Zauberers mit seinen großen Smaragden und der geheimnisvollen grünen Beleuchtung samt Nebel gestaltet. Ein bisschen wirkt das Ganze wie das Set für ein 80er-Jahre Musikvideo. Dennoch, auch hier zeigt sich einmal mehr Georg Burgers Einfallsreichtum, was das Bühnenbild angeht. Die kleine Gesellschaft bekommt noch nicht ihre Wünsche erfüllt, erst sollen sie noch Bastinda, die böse Hexe des Violetten Reiches töten, dann können sie wiederkommen. Aber bis es soweit ist, geht die Inszenierung nach knapp einer Stunde Spielzeit in eine Pause von 15 Minuten.

 

Bastinda und ihre fliegenden Affen / Foto: Rolf Arnold Nach der Pause hat Julia Berke ihren großen Auftritt. Mit Fledermaushut in violett-schwarzem Kleid von Würmern durchzogen und mit Regenschirm in der Hand präsentiert sie sich als fiese Hexe Bastinda. Die Eindringlinge in ihrem Land will sie mit Bienen, Krähen und fliegenden Affen, die sie alle durch Zauberei befehligt, aufhalten und umbringen. Das klappt nur bedingt, immerhin der Löwe und Elli schaffen es lebendig zu ihr. Aber der Triumph der Hexe ist nur von kurzer Dauer und auch wenn sie sich schon vorstellt wie sie Elli die Zauberschuhe abnimmt und sich der Feindin aus der Menschenwelt entledigt, läuft nicht alles nach Plan für sie.

 

Julia Berke als Hexe Bastinda / Foto: Rolf Arnold Die Szene, die sie sich in dem Zusammenhang ausmalt und sogar in beiden Rollen ausspielt, ist trotzdem großartig und zeigt Berkes komisches Potenzial. Obwohl wie in Märchen üblich die Hexe besiegt wird und die Gruppe – mittlerweile auch wieder vollständig und repariert - alle Aufgaben gelöst hat, zeigt sich, dass auch eine Hoffnung, die in einen Zauberer gesetzt wird, manchmal trügerisch sein kann.

 

Stella, die Fee des Rosa Reiches weiß Rat / Foto: Rolf Arnold Zwar haben sich alle Freunde am Ende wieder und bekommen sogar die gewünschten Geschenke, aber die Rückkehr Ellis aus dem Zauberland in die Menschenwelt vermag erst durch ein Eingreifen oder vielmehr den Tipp der Fee des Rosa Reiches gelingen. Stella kommt dann auch als riesige rosa Zuckerwattewolke auf Rollschuhen angefahren (wie die erste Fee auch wieder von Anne Cathrin Buhtz gespielt) und hebt die Fähigkeiten der Zauberschuhe hervor, die Elli seit Anfang des Stückes trägt. Das Ende kann im Theater erlebt werden. Nach der Premiere gab es sowohl von großen als auch von kleinen Gästen einen lautstarken Applaus mit Jubelrufen, Füßetrampeln und anerkennenden Pfiffen. „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ hat die Messestadt auch in der Theaterversion erobert und verzaubert.

 

Ganz unerwartet kam das nicht. Das Buch von Alexander Wolkow „Der Zauberer der Smaragdenstadt“, welches 1939 als Nachdichtung von Frank L. Baums „Der Zauberer von Oz“ in der Sowjetunion erschienen war, erfreute sich vor allem seit den 1960er Jahren in der DDR einer großen Leserschaft. Über diesen Bezugspunkt erreicht das Schauspiel Leipzig mit seinem Weihnachtsmärchen nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern und die Großelterngeneration, die sich an die Geschichten des Mädchens Elli sowie ihre Abenteuer im Zauberland erinnern und mit ihnen aufgewachsen sind.

 

Nachdem das Märchen in einer eigenen Version schon im letzten Jahr in der Freien Szene bei den Cammerspielen Leipzig zu erleben war, kann nun auch ein breites Publikum im Großen Saal des Schauspielhauses an der kurzweiligen Geschichte teilhaben, getreu dem Titellied „Sei wie Du bist, mit Verstand und Herz und Mut, folge Deinem Weg, so ist es gut.“

Weitere Informationen und alle Spieltermine gibt es hier: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/grosse-buehne/inszenierungen/der-zauberer-der-smaragdenstadt-ua/

 

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