Eine bärenstarke Premiere im Theater der Jungen Welt

Kategorie: Theater in Leipzig Veröffentlicht am Montag, 23. November 2015 Geschrieben von E. Engelhardt

Uraufführung widmet sich kleinen und großen existentiellen Fragen

 

Bejamin Vinnen als Bär/ Foto: Stefan Hoyer Das Theater der Jungen Welt Leipzig machte am Sonntag weiter mit seinem vorweihnachtlichen Premierenreigen. Im Kleinen Haus gab es am 22. 11. 2015 um 17:00 Uhr „Der Bär, der nicht da war“ zu erleben. Das märchenhafte Theaterstück für Kinder ab vier Jahre, nimmt das Publikum mit auf eine Reise in einen verzauberten Wald. Der Wald ist allerdings, abgesehen von der Bezeichnung „Wald“ die mit Kreide auf dem Boden steht, am Beginn des Stückes ebensowenig vorhanden wie der titelgebende Bär.

 

Stattdessen sind vier SchauspielerInnen, in grünen Arbeitsoveralls und Chucks an den Füßen damit beschäftigt, Boden und Wände mit Begriffen zu beschreiben. Auch das Publikum in den ersten Reihen rechts und links des Spielraumes wird teilweise nach den Namen gefragt und schwups finden sich auch „Moritz“ und „Elisa“ als Namen auf dem Boden wieder, mit Kreidepfeilen auf die Kinder zeigend. Neben Bühnenbildelementen sind auch andere Räume des Theaters wie der Weg zur Garderobe und in die Requisite markiert. Auf einem grünen Sofa liegt lässig der Musiker Noah Punkt, der die 55-minütige Aufführung mit Kontrabass und E-Gitarre begleiten wird.

 

Dass ein Bär in dieser Geschichte aus einem Juckreiz entsteht, lernen die jungen ZuschauerInnen und ihre Eltern gleich am Anfang. Dem Schauspieler Benjamin Vinnen wird nach dieser Einleitung nicht das Fell über die Ohren, wohl aber der Overall vom Leib gezogen. Unter diesem ist der Schauspieler ganz beharrt, trägt ein braunes Bärenkostüm mit Kapuze samt passender Bärenohren. Der Bär, der eben noch nicht da war, ist jetzt auf der Bühne und im Stück angekommen, was ihn zu einem wohligen „Absolut ja!“ verleitet. Aus diesen Worten macht der Musiker mit gemeinsamer Unterstützung der anderen SchauspielerInnen ein kleines Lied.

 

Angekommen im Wald, der noch kein Wald ist, fragt sich der Bär, mit welchen Eigenschaften er ausgestattet sei und wie er auf die anderen WaldbewohnerInnen wirke. Auf einem Zettel, den er bei sich findet, liest er den Satz „Bist Du ich?“. Dieser Frage geht er nach. Er will also herausfinden, was für ein Bär er ist und begibt sich auf eine Reise, um sich selbst zu finden. Hilfreiche Winke, die ihn bei seiner Suche leiten werden, sind die Aussagen „Ich bin ein sehr netter Bär.“, „Ich bin ein glücklicher Bär.“ und „Ich bin ein hübscher Bär.“ Ob das stimmt, findet er in Begegnungen und Gesprächen mit anderen Tieren und Wesen des verzauberten Waldes heraus.

 

Die Suche nach sich selbst ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene spannend und in der Figur des Bären mit einem echten Sympathieträger umgesetzt. „Der Bär ist niedlich.“ und „Ich mag den Bären“, hört man die kleinen ZuschauerInnen aus den ersten Reihen ihren Eltern zuflüstern. Dieser ist derweil nicht untätig und beginnt den Wald mit Bäumen zu füllen, die er wie T-Shirts von einem Garderobenständer abnimmt und im Bühnenraum verteilt.

 

In einem kleinen Körbchen befinden sich Laubblätter, in die der Bär seinen Kopf hineinsteckt, um den Geruch aufzunehmen. Anschließend verteilt er die Blätter an der entsprechenden Stelle der Bühne, wo auf dem Boden das Wort „Laub“ zu lesen ist. „Wächst der Wald auch, wenn ich nicht hinschau?“, fragt sich der Bär und probiert es aus, indem er sich die Augen zuhält und sich wegdreht. Das nutzen die anderen SchauspielerInnen aus und gestalten den Wald weiter, lassen ihn wachsen und bringen Zweige, Reißig, Eicheln und große Papierblumen herbei. Der Bär stellt fest: „Je mehr ich guck, desto weniger weiß ich, ob Bäume und Blumen noch wachsen fleißig, wenn ich nicht guck.“ Auch daraus wird ein Lied gemacht. Lustige Situationen entstehen außerdem, wenn er die anderen SchauspielerInnen bei ihrer Arbeit überrascht und diese so tun, als seien sie nur rein zufällig gerade da.

 

Bergrind und Salamander / Foto: Stefan Hoyer Nachdem auch der Wald eingerichtet ist, lernt der Bär die Stille kennen und auch das Publikum hört aufmerksam zu, wenn Blätter rascheln, Reißig knackt oder Eicheln fallen. Der Bär ist an dieser Stelle mit einem Mikrofon ausgerüstet und erkennt am Ende dieser Szene: „Die eigene Stille ist besonders schwer zu finden.“ Leichter findet er Freunde wie das bequeme Bergrind (Martina Krompholz mit überzeugenden Jodelkünsten) und den saumseligen Salamander (Noah Punkt, locker auf dem Sofa liegend). Diese bestätigen ihm zumindest den ersten Punkt seiner Überlegungen. Ja, er sei ein sehr netter Bär. Um das nicht zu vergessen, notiert der Bär diese Aussage gleich an einer Wand. Auf seiner Reise durch den Wald lernt er aber noch andere Tiere kennen.

 

Begegnung Vorzeigepinguin und Bär / Foto: Stefan Hoyer Der vorletzte Vorzeigepinguin ist ein etwas schräger Vogel, der dem Bär auch das Nachdenken abnehmen will. Anna-Lena Zühlke spielt das Bücher liebende Geschöpf als neunmalkluge Streberin. Durch sie lernt der Bär das Zählen - auf seine ganz spezielle Weise. Einem Kompassbaum, an dessen Darstellung alle SchauspielerInnen beteiligt sind, hilft der Bär seinerseits die Welt zu erkennen bzw. überhaupt erst mal kennenzulernen.

 

Der Bär fährt Schildkrötentaxi. / Foto: Stefan Hoyer Besonders viele Lacher erntet Martin Klemm in seiner Verkörperung des trägen Schildkrötentaxis, auf das der Bär sich einlässt um ein Stück geradeaus zu fahren. Die Idee, dass sich das Taxi nicht bewegt, zwei Schauspielerinnen aber die Bäume vorbeitragen und somit den Zustand des Fahrens andeuten, ist ein sehr schöner Regieeinfall. Am Ende wird der Bär mit sich selbst konfrontiert. Ob und wie er damit klarkommt ist bis zum 30. Dezember im Theater der Jungen Welt zu erleben.

 

Die Inszenierung von Jörg Wesemüller, der das Bilderbuch „Der Bär, der nicht da war“ des israelischen Autors Oren Lavie in eine bilderreiche Inszenierung übersetzt hat, besticht durch einfache aber alle angehende Fragen. Durch die Vermittlung über Musik (Arrangement: Robert Lucaciu / Ausführender: Noah Punkt) und die sympathische Hauptfigur, die nicht nur sprechen, sondern auch singen, pfeifen, hüpfen und tanzen kann, können auch die ganz kleinen BesucherInnen der Geschichte folgen. Die Figuren sind abwechslungsreich gestaltet und werden von den SchauspielerInnen klar und nachvollziehbar dargestellt. Auch die Interaktion mit dem Publikum, die hauptsächlich über den tollen Bärendarsteller Benjamin Vinnen läuft, funktioniert wunderbar in diesem Stück. Für die witzige und einfallsreiche Kostümierung der WaldbewohnerInnen ist Kostüm- und Bühnenbildnerin Jasna Bošniak verantwortlich.

 

Die Uraufführung bot damit einen besonderen Schauwert, der kleine und große ZuschauerInnen erfreut hat. Zu Recht endete die Premiere mit großem Applaus, der von vielen kleinen Händen produziert wurde. Fazit: Bärenstarkes Theater!

 

Weitere Informationen über das Stück und die nächsten Spieltermine gibt es hier: http://www.theaterderjungenweltleipzig.de/spielplan-000660.html

 

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