Tänzerisches Märchenbuch an der Oper Leipzig

Kategorie: Theater in Leipzig Veröffentlicht am Montag, 07. Dezember 2015 Geschrieben von E. Engelhardt

Ballettabend „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ gefällt der ganzen Familie

 

Hänsel und Gretel fliehen vor der Hexe. / Foto: Ida Zenna Die Oper Leipzig hat sich in der Vorweihnachtszeit für ein ganz besonderes Weihnachtsmärchen entschieden. Oder anders gesagt, sie präsentiert gleich ganz viele Weihnachtsmärchen auf einmal. Das neue Stück „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ von Ballettdirektor und Choreograf Mario Schröder bietet aus den über 200 Werken der fleißigen Märchensammler die zehn bekanntesten und vielleicht auch beliebtesten Geschichten. Das Publikum war begeistert von der Premiere am Freitag, den 4. 12. 2015. Junge und ältere Gäste jubelten laut und ausdauernd beim Applaus.

 

Ausdauer, Kraft und Anmut bewiesen auch die vierzig TänzerInnen des Leipziger Balletts, die unterstützt von Kindern der Musikschule „Johann Sebastian Bach“ und dem Berliner Musikkabarettisten Michael Sens die Märchen und deren Protagonisten auf der Opernbühne zu neuem Leben erweckten.

 

Michael Sens spielt die Gebrüder Grimm. / Foto: Ida Zenna Gleich zu Beginn des Stücks wird ein besonderer Clou der Aufführung deutlich. Ein Märchen benötigt natürlich auch einen Märchenerzähler. Diesen stellt Michael Sens dar, aber nicht nur als reine Erzählerfigur. Er tritt als Verkörperung beider Grimm-Brüder auf, in einem Anzug der auf der einen Seite rot und auf der anderen Seite blau ist. Dass sich beide dennoch nicht ganz grün waren in Bezug auf die Märchen (Jacob wollte Märchen wortwörtlich erzählen in aller Grausamkeit, Wilhelm setzte sich für eine Glättung der Sprache und Abmilderung der teils brutalen Handlungen ein), wird in den witzigen Texten deutlich, die Sens selbst zur Inszenierung beisteuerte.

 

Der Froschkönig beim Amphibientanz. / Foto: Ida Zenna In diesen werden sowohl die aufgeführten Märchen kurz zusammengefasst, als auch auf ihren Gehalt und die Bedeutung für unsere heutige Lebenswelt geprüft. So wird aus „Hänsel und Gretel“ ein „Tatort auf Papier – Gefällt mir!“ und die Verbindung zur Welt der sozialen Netzwerke wie auch zur sonntäglichen Abendunterhaltung ist hergestellt. Vor allem für die Erwachsenen funktionieren die Wortspiele und Bonmots, zum Beispiel beim Ausgang von „Rotkäppchen“: „Pech dagegen hat der Wolf. Ähnlich wie beim VW-Golf, kam die Täuschung dann ans Licht.“ Auch die pointierte Zusammenfassung des „Froschkönigs“ brachte FreundInnen des schwarzen Humors im Publikum zum Schmunzeln: „Und wieder ist ein Tier verendet, weil man es ganz falsch verwendet.“

 

Dornröschen vor dem 100-jährigen Schlaf. / Foto: Ida Zenna Hauptaugenmerk der Aufführung bildeten aber die vertanzten Märchen. Neben den schon erwähnten waren „Rumpelstilzchen“, „Schneewittchen“, „Das tapfere Schneiderlein“, „Aschenputtel“, „Dornröschen“, „Der süße Brei“ und „Frau Holle“ zu erleben.

 

 

Um den vielen TänzerInnen ausreichend Platz zu verschaffen war das Bühnenbild sehr übersichtlich, aber dennoch gut auf die jeweiligen Märchen zugeschnitten. Gab es im ersten Teil des zweistündigen Ballettabends eher Märchen die im Wald gespielt haben, wurde der Märchenwald nach der Pause durch einen Vorhang erweitert, welcher der Bühne die Umrisse eines Schlosses gab.

 

Goldmarie & Pechmarie im Land der Frau Holle./Foto: I. Zenna Auch hier konnte die Bäume flexibel eingesetzt werden. Beweglich hoch- und herunterfahrbar bildeten sie sowohl Säulen als auch später in „Dornröschen“ die Dornenhecke, wo nur die Baumkronen aus dem Boden hervorragten. Paul Zoller hat so mit wenigen Mitteln ein vielseitig verwendbares Bühnenbild geschaffen. Zudem gab es Stellen an denen TänzerInnen durch Luken im Boden verschwinden und auftauchen konnten und die Mitte der Bühne war zeitweise ein Loch, welches als Feuer um das Rumpelstilzchen tanzte - inklusive lodernder Theaterflammen – oder als Brunnen fungierte aus dem der Froschkönig stieg oder in den die Gold- und Pechmarie ihre Reise zur Frau Holle antraten.

 

Tänzerisch überzeugten alle DarstellerInnen, egal ob sie kleine Hilfszwerge, Pilze, Waldblumen, Äpfel, Schneeflocken (allesamt verkörpert von SchülerInnen der Musikschule „Johann Sebastian Bach“) oder Prinzessinnen, Prinzen, Könige, Königinnen, Jäger, Feen, Hexen, Köche, Schneider oder Hofstaat waren.

 

Jedes Märchen wurde in zauberhafte Bilder übersetzt und hatte sein eigenes kleines Highlight in der Aufführung. Bei Dornröschen genügt das Stichwort „Motorsäge“, aber auch die anderen Märchen waren durch tolle Regieeinfälle gekennzeichnet. So entspann sich „Rumpelstilzchen“ im wahrsten Sinne des Worte aus dem Akt des Spinnens an dessen immer länger werdenden Goldfaden die Müllerstochter/Königin (Naira de Matos) und der König (Enea Baiku) entlang tanzten. Rumpelstilzchen (Francesco Banos Diaz), mit Flammenfrisur, wiederum kam aus dem Boden heraus, sah sich das freudige Eheglück eine Weile an und forderte dann seinen Lohn. Obwohl die Namen Kevin und Chantal, die in großen Buchstaben hereingetragen wurden, vom Kobold abgelehnt worden sind, konnte die Königin letztlich doch ihr Kind behalten. Mit Unterstützung der Gebrüder Grimm kam nämlich der Name des Männchens ans Licht. In einem eindrucksvollem Solo folgte dann der Wut- und Todestanz zur Musik von Edward Elgars 7. Variation aus den „Enigma-Variationen op. 36“, bevor sich das Männlein in die Flammen stürzte.

 

Schneewittchen tanzt mit dem Jäger. / Foto: Ida Zenna Ob der Tanz des Jägers mit dem lebendigen und anschließend der Tanz des Prinzen mit dem toten/schlafenden Schneewittchen (hier in der Disneyversion kostümiert) oder der Tanz des Wolfes sowohl mit der noch sehr rüstigen Großmutter als auch mit Rotkäppchen oder die Zweierkombination Prinz und Aschenputtel - immer wieder zeigte sich, wie viel Komik, aber auch Anrührendes in dieser Bewegungskunst steckt. Auch die Darstellung des tapferen Schneiderleins in Anlehnung an Modezar Karl Lagerfeld, das zu Rimski-Korsakows „Hummelflug“ über die Bühne schwebte, ließ die Publikumsherzen höher schlagen.

 

Musikalisch konnten sich die DarstellerInnen auf der Bühne auf Christoph Gedschold, den neuen Kapellmeister der Oper Leipzig, im Orchestergraben verlassen, der das Gewandhausorchester durch die Konzertliteratur führte, die den Abend prägte. Neben eingängigen Melodien von Tschaikowski, Mussorgski und Grieg, erklangen auch Musikstücke vom schon erwähnten Elgar, seinem Landsmann Benjamin Britten. Aber auch einige eher unbekanntere Komponisten wie Aaron Copland und Thomas Klemm bildeten die musikalische Grundlage für die TänzerInnen.

 

Die „Märchen der Gebrüder Grimm“ sind ein für alle Altersgruppen passender Ballettabend, der sowohl die Helden der Kindheit, aber auch aktuelle Helden – so viel sei hier verraten – in einem bunten Märchenmix auf die Bühne bringt. Ein absolut empfehlenswerter Musiktheaterabend, nicht nur für BallettfreundInnen!

 

Alle weiteren Informationen zum Stück und die nächsten Aufführungstermine gibt es hier:

 

http://www.oper-leipzig.de/de/programm/die-marchen-der-gebruder-grimm/57035

 

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