„Geschichte als Sensation“ im Museum der bildenden Künste Leipzig

Kategorie: Kunst Veröffentlicht am Mittwoch, 16. Dezember 2015 Geschrieben von E. Engelhardt

Die Bilder Delaroches und Delacroixs machen Geschichte visuell erlebbar

 

Ein Besuch im Bildermuseum lohnt sich. Zwei Franzosen dominieren mit ihren Werken noch bis zum 17. Januar 2016 die Sonderausstellung „Geschichte als Sensation“ im Museum der bildenden Künste Leipzig. Eine Sensation ist auch die Ausstellung selbst, der es zum ersten Mal gelingt, die beiden Maler Paul Delaroche (1797 – 1856) und Eugène Delacroix (1798 – 1863) gemeinsam in aller Vielfalt ihrer Werke zu präsentieren. Nach Angaben des Kurators Dr. Jan Nicolaisen ist diese Ausstellung die derzeit größte Sonderausstellung französischer Bilder außerhalb Frankreichs. Gezeigt wird der Umgang mit Geschichte in kleinen und großformatigen Bildern, die den Betrachter in ihren Bann ziehen.

 

Beide Maler wuchsen vor dem Hintergrund der napoleonischen Herrschaft auf. Zur Erinnerung: Napoleon Bonaparte nutzte die Gunst der Stunde sich in den Wirren der Französischen Revolution an die Macht zu putschen. Die junge Demokratie wurde durch ein Kaisertum ersetzt und nach der Festigung seiner Macht in Frankreich zog er als Napoleon I. los, um Europa zu erobern. Das gelang ihm bis ins Jahr 1812, als er vor Moskau seine erste große Niederlage einsteckte, auf seinem Rückweg 1813 auch in Leipzig während der Völkerschlacht den Kürzeren zog und schließlich 1814 in Paris von der Allianz aus Preußen, Österreichern und Russen zur Abdankung gezwungen wurde.

 

Während sich die Großmächte Europas beim Wiener Kongress um die Neuordnung Europas stritten, ließ sich Napoleon noch einmal auf der politischen Weltbühne blicken. Er verließ sein luxuriöses Exil auf der Insel Elba, auf welche man ihn verbannt hatte, nahm Paris in einem Handstreich ein und war für 100 Tage noch einmal Kaiser der Franzosen, bevor ihm die Niederlage bei Waterloo, endgültig vom Thron vertrieb und er schwer bewacht auf der Atlantikinsel St. Helena seine letzten Jahre verbrachte.

 

Die Maler Paul Delaroche und Eugène Delacroix waren Kinder bzw. Jugendliche zu dieser Zeit. Napoleons Auf- und Abstieg sowie der Mythos der um diesen Mann entstand, hat beide entscheidend geprägt. Vor allem Paul Delaroche war fasziniert vom ersten Kaiser der Franzosen und nahm im Laufe seines Lebens, wie auf einem Selbstporträt in der Ausstellung deutlich wird, sowohl Haltung als auch Züge seines Idols an.

 

© Museum der bildenden Künste Leipzig Das großformatige Napoleonbild „Napoleon I. zu Fontainebleau am 31. März 1814 nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten in Paris“, gemalt im Jahre 1845, war schon zu Lebzeiten des Künstlers ein bedeutendes Werk. Es zeigt Napoleon als gescheiterten Feldherren und vor allem als Menschen, dessen Träume und Vorstellungen von Macht und Herrschaft gerade zerbrochen sind. Er sitzt vor rotem Vorhang in offenem grauem Feldherrenmantel und weißer Uniform auf einem Stuhl im Schloss Fontainebleau. Der Noch-Kaiser ist regelrecht in sich zusammengesackt, mit düsterer Miene, den rechten Arm über die Stuhllehne haltend, harrt er der Dinge die da kommen mögen. Er weiß, es ist aus. Seiner Hand scheinen gerade die Pläne und Landkarten entglitten zu sein. Sein Feldherrenhut liegt achtlos auf dem Boden, die Stiefel sind bis zu den Knien mit Staub und Dreck bedeckt. Auf einem Tisch neben ihm liegt sein Degen. Diesen wird er als Zeichen seiner Niederlage der Allianz überreichen müssen, auf dem Tisch wird er seine Abdankung unterzeichnen.

 

Paul Delaroche hat zum ersten Mal in der Historienmalerei einen historischen Helden von seinem Glanz und Mythos befreit und zeigt ihn als Verlierer. Napoleon ist auch nur ein Mensch gewesen, scheint das Bild auszusagen. Dass das Feuer in diesem Menschen noch nicht gänzlich erloschen ist, wird in der geballten linken Faust deutlich. Napoleon ist noch nicht fertig mit der Welt. Die 100-Tage-Herrschaft ist in der geballten Faust angedeutet.

Der Leipziger Kaufmann und Kunstsammler Adolph Heinrich Schletter kaufte das Bild für seine Galerie an. Es war aber nicht nur in Leipzig zu sehen, sondern ging auf eine Europatournee. Vor allem die Länder, die Napoleon damals besetzt hatte, erfreuten sich an der Darstellung des geschlagenen Feldherren. BesucherInnen strömten zu Hunderten in die Museen, nur um dieses Bild zu sehen. Später ging es in den Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig über. Nach seiner Restaurierung bildet es das Herzstück der aktuellen Ausstellung. Das Motiv empfängt alle Gäste auch schon an der Außenwand des Museumsgebäudes.

 

©Musée du Louvre,Département des Peintures Noch ein weiteres großformatiges Bild mit Napoleon als Motiv zeigt die Ausstellung. Auch dieses ist von Paul Delaroche gemalt worden. Im Jahre 1850 hat er dabei seine Darstellung einer Episode aus Napoleons Aufstiegszeit gemalt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das großformatige Ölgemälde „Bonaparte überquert den St.-Bernhard-Pass im Jahr 1800“ aus dem Musée du Louvre in Paris, zeigt wie Napoleon in den verschneiten Alpen unterwegs ist. Nicht als glorreicher Feldherr, sondern halb erfroren, etwas traurig schauend, aber mit typischer Geste der Hand, die er in seinem Mantel verbirgt, zieht er seines Weges nah am Abgrund dahin. Die Besonderheit des Bildes besteht in dem Clou, dass Delaroche Napoleon in seinem Bild auf einem Maultier reiten lässt und nicht auf einem dem Helden geziemenden Pferd. Darüber hinaus führt der Feldherr seine Armee auch nicht selbst, sondern ist ebenfalls auf einen Bergführer angewiesen, der das Maultier am Zügel festhält.

 

Paul Delaroche gelang es auch in anderen Bildern, die Monarchen und anderen gekrönten Häupter Europas von ihren Sockeln herunterzuholen, wie die AusstellungsbesucherInnen bemerken werden. Oft brachte er seine Figuren bildmotivisch gleich auf's Schafott. Er malte zahlreiche Bilder von Verurteilungen zum Tode wie „Der letzte Abschied der Girondisten am 31. Oktober 1793“, Hinrichtungen (z. B. „Die Hinrichtung der Lady Jane Grey“) oder Leichenschauen („Cromwell am Sarge Karls I.“). „Herr Delaroche ist der Maler aller geköpften Majestäten“, vermerkte der Dichter und Zeitgenosse Heinrich Heine denn auch spöttisch, aber nicht ganz unzutreffend bei dieser Motivauswahl.

 

© The Collection of the Château de Balleroy Für ein Bild von Marie Antoinette, jener französischen Königin, die ihrem Mann als Opfer der Revolution in den Tod folgen musste, erhielt Paul Delaroche nicht nur Anerkennung. Auch im nachrevolutionären Frankreich empfanden einige Kritiker und Menschen, die das Bild sahen, fehlenden Respekt vor der Dargestellten, die ja immerhin einmal Königin von Frankreich war. Paul Delaroche zeigt in seinem Ölbild „Marie Antoinette vor dem Tribunal“ von 1851 eine blasse, gealterte Frau, ohne Perücke, mit Bauchansatz, im schlichten schwarzen Kleid und weißem Tuch über den Schultern. Sie erfährt in diesem Moment vor dem Revolutionstribunal von ihrer Hinrichtung, die einige Stunden später an diesem Tag vollstreckt wird. Allen Anfechtungen zum Trotz präsentiert sich auf dem Bild eine überlebensgroß dargestellte Frau, die ihr Urteil mit der Würde einer ehemaligen Regentin entgegennimmt und sich ihrem Ende mit Ruhe und Ernst stellt, während sie Beschimpfungen, aber auch Trauerbekundungen der Masse ausgesetzt ist. Auch dieses Bild ist in der Ausstellung zu sehen.

 

Hineingeboren in eine Revolution erlebten sowohl Paul Delaroche als auch sein Malerkollege und Konkurrent Eugène Delacroix mit der Julirevolution von 1830 und der darauf folgenden Julimonarchie eine weitere politische Umwälzung. Es sollte nicht die letzte bleiben, aber vor allem Eugène Delacroix nahm die Julirevolution zum Anlass sein bis heute bekanntestes Bild zu malen. Wohl jedem Schüler und jeder Schülerin ist das Bild aus dem Geschichtsbuch bekannt, auf dem eine Frau mit der französischen Flagge in der hochgereckten Hand, einem Jungen mit Pistolen zu ihrer Rechten und bewaffneten Männern zu ihrer Linken, die Barrikade empor steigt. „Die Freiheit führt das Volk“ nannte der Künstler das Werk. Leider hat es dieses Bild nicht nach Leipzig geschafft, aber es ist auch fast ein französisches Nationalheiligtum und eines der populärsten Historienbilder überhaupt. Aus dem Museum, in dem es hängt, dem Pariser Louvre, sind dennoch 30 Bilder als Leihgaben nach Leipzig ausgeliehen worden.

 

Ebenfalls im Nachklang der Julirevolution fertigte Eugène Delacroix das Gemälde „Boissy d'Anglas grüßt den Kopf des Abgeordneten Féraud“ an, mit dem er an einem Wettbewerb teilnahm. Das Bild, welches durch seinen modernen Malstil überzeugt, zeigt eine Szene aus der Französischen Revolution, die sich am 20. Mai 1795 zugetragen hat. Es war beliebt bei den Künstlern des 19. Jahrhunderts aktuelle Ereignisse in frühere Revolutionen und andere historische Begebenheiten zu verpacken.

 

Auf der in Leipzig ausgestellten Ölstudie zum Gemälde erkennt der Betrachter eine Volksmasse die in den Nationalkonvent eindringt und damit der gewählten Regierung der Französischen Revolution Angst machen will. Um den Präsidenten einzuschüchtern streckt man ihm den abgeschlagenen Kopf eines Abgeordneten auf einem Speer entgegen, den dieser respektvoll grüßt. Das Bild überzeugt durch einen wilden Malstil, die Masse der Eindringlinge verschwimmt in den dunklen Farben des Hintergrundes. Auch die Gesichter der vorderen Abgeordneten sind nicht deutlich sichtbar. Details sind nicht so wichtig, das Bild als Ganzes soll überzeugen. Über der Präsidentenempore, die von der Nationalgarde geschützt wird, hängen drei blau-weiß-rote französische Flaggen herunter, die nicht von ungefähr an Guillotinen erinnern. Obwohl das Bild starke Empfindungen auslöste, gewann Delacroix damit nicht den Wettbewerb. Als Reaktion verteufelte er alle Form von Kunst-Wettbewerben, da bei diesen sowieso immer nur ein mittelmäßiges Bild gewinnen könne, auf das sich die Jury eher einige, als auf gewagte neue Kunst.

 

Nicht nur die Politik, auch das Theater hatte es Delacroix angetan. Viele Bilder nehmen literarische Stoffe auf oder interpretieren diese. In Leipzig sind Bilder zu Shakespeares „Hamlet“ und Lithografien zu Goethes „Faust“ zu sehen. In den Bildern, die für eine französische Übersetzung des bekannten ersten Teils der Tragödie noch zu Goethes Lebzeiten entstanden sind, wird deutlich, dass sich Delacroix mehr für die Mephisto-Figur interessiert, der Faust von Bild zu Bild auch immer ähnlicher zu werden droht. Dass diese Ähnlichkeit nicht nur äußerlich, sondern mit Zuspitzung des Dramas auf die Katastrophe und das Schicksal Gretchens, auch im Inneren der Figur stattfindet, wird jeder, der das Theaterstück kennt, bestätigen können.

 

© Städel Museum, Frankfurt am Main Eine der Hamlet-Darstellungen von Delacroix sticht ebenfalls besonders hervor. Gerade in dem Drama William Shakespeares, das neben „Romeo und Julia“ das bekannteste des englischen Autors hierzulande ist, wählte der Maler eben keine dramatische, die Handlung vorwärtstreibende Szene. Er zeigt stattdessen im gleichnamigen Gemälde Hamlet und Horatio auf dem Friedhof. Die Szene spielt zu Beginn des fünften Aktes auf einem Gottesacker und eigentlich sind noch zwei Totengräber dabei, auf die Delacroix aber bewusst verzichtet hat. Es ist ein Moment der Stille und des Nachdenkens zwischen den beiden Männern. Hamlet sitzt in schwarzer Kleidung auf einem umgestürzten Grabstein in dieser Wüstenei, starrt vor sich hin und hält einen Totenschädel in der Hand. Mit dem einen Bein steht er schon im Grab, auch hier bildlich untermauert, weil sein rechtes Bein im Grab verschwunden ist. Sein Freund und Begleiter Horatio schaut an Hamlet vorbei in die Ferne, vielleicht sieht er da schon die Trauergesellschaft, die Ophelia zu Grabe trägt. Hinter den Männern sind nur Grabsteine und ein Kreuz zu entdecken. All das spielt sich vor einem malerischen Sonnenuntergang ab, der symbolhaft für den Untergang des dänischen Königsgeschlechts steht, auf welchen das Stück hinauslaufen wird. Hamlet ist dem Untergang geweiht. Obwohl er seine Rache noch nicht genommen hat an dieser Stelle, scheint er sich dessen schon bewusst zu sein. Ein eindrucksvolles Bild und Inbegriff der Kunstepoche der Romantik hat Delacroix hier hinterlassen.

 

Es ist interessant zu sehen wie sowohl Delaroche als auch Delacroix für viele Bilder theatrale Techniken nutzte, die oft an Bühnenbilder oder Theateraufführungen erinnern. Dadurch werden die Geschichten in den Gemälden und Zeichnungen lebendig. Die Ausstellung im Untergeschoss des Museums der bildenden Künste in Leipzig bietet noch eine Menge weiterer Entdeckungen, so dass sich auch ein mehrfacher Besuch durchaus lohnt. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist der Eintritt frei.

 

Weitere Informationen zur Ausstellung und den Öffnungszeiten gibt es hier: http://www.mdbk.de/ausstellungen/archiv/2015/eugene-delacroix-paul-delaroche/

 

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