Gespenstisches in der Oper Leipzig

Kategorie: Theater in Leipzig Veröffentlicht am Samstag, 16. Mai 2015 Geschrieben von E. Engelhardt

„The Canterville Ghost“ von Gordon Getty feiert Welturaufführung

 

Das Bühnenbild von Der Künstler steckt in der Krise, das Publikum verlacht ihn oder schenkt ihm überhaupt keine Beachtung mehr, abgesehen von Pflegetipps und guten Ratschlägen, sein Kostüm oder die Requisiten betreffend. So ergeht es dem seit 300 Jahren auf Schloss Canterville herum spukenden Geist Sir Simon in Gordon Gettys „The Canterville Ghost“, nach der gleichnamigen Erzählung von Oscar Wilde aus dem Jahre 1887.

Der Einakter mit Prolog feierte am Samstag, den 9. Mai 2015, in der Oper Leipzig Premiere und zugleich seine Welturaufführung. Musikalisch ist das Werk des amerikanischen Öl-Milliardärs und Gelegenheitskomponisten Gordon Getty kein großer Wurf. Orientiert an der musikalischen Romantik des 19. Jahrhunderts (Einflüsse von Franz Schubert und Richard Wagner), gepaart mit ein paar bekannten Motiven wie „Yankee Doodle“ und „Rule Britannia“, ist die Musik aber durchaus hörbar und und bewegt sich vor allem zum Ende hin sogar etwas im musicalhaften Raum. Ansonsten klingt diese hauptsächlich wie ein langes Rezitativ und dieser Sprechgesang schien weder für die SängerdarstellerInnen noch für das sie begleitende Gewandhausorchester, unter der Leitung von Matthias Foremny, eine große Herausforderung darzustellen. Getty selbst erklärte, die Musik in zwei Wochen komponiert zu haben.

 

Familie Otis im Speisezimmer / Foto: Kirsten Nijhof Schauwert besitzt das Stück in der Regie von Anthony Pilavacci allemal. Allein für das Bühnenbild und die Kostüme von Tatjana Ivschina lohnt sich schon der Besuch einer Aufführung. Angelehnt an die Bilder der Daguerreotypie, einer frühen Form der Fotografie, wirkt schon das Schloss der Cantervilles in leichter Schieflage auf dem großen Bühnenprospekt schaurig-schön. Davor ragen alte verwitterte Grabsteine auf, einer besetzt von Sir-Simon-Darsteller Matthew Trevino. Im Prolog, der im Jahre 1960 spielt, gehen Großmutter Virginia (Jennifer Porto) und Großvater Cecil (Timothy Oliver), wie jedes Jahr auf den Friedhof, um dem Geist die letzte Ehre zu erweisen. Die sie begleitenden Urenkel wollen die Geschichte des Gespenstes hören und ihre Großeltern beginnen zu erzählen. Szenenwechsel: Schloss Canterville 1890. Nun entfaltet sich die ganze Pracht des Bühnenbildes, das durchlässig wird und in einer Simultanbühne die Räume des Schlosses zeigt. Unten in der Mitte der Flur, rechts davon das Speisezimmer, links die Bibliothek mit eindrucksvoller Ritterrüstung, darüber Sir Simons geheimes Gruselzimmer oder eher seine Garderobe, dem Treppenhaus durch eine Standuhr verborgen und auf der rechten Seite ein Schlafzimmer, das je nach Bedarf von Virginia oder den Zwillingen genutzt wird.

In dieses im viktorianischen Stil eingerichtete Schloss zieht die amerikanische Familie Otis bei Sturm und Gewitter ein, nicht ohne vom ehemaligen Besitzer Canterville (Anooshah Golesorkhi als Musterbrite) vom Fluch, der auf dem Haus lastet, in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Vor 300 Jahren hat der Adlige Sir Simon seinen Schwager (im Wilde'schen Original war es die Ehefrau) ermordet, der sich an den Juwelen seiner Frau vergreifen wollte. Seitdem spukt er in diesem Gemäuer umher und terrorisiert die Bewohner. Allerdings wird schnell deutlich, dass sich die Amerikaner nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil, wann immer sie dem Gespenst begegnen, legen sie die den größtmöglichen Pragmatismus an den Tag. Da fällt ein jahrhundertealter Blutfleck auf der Rüstung dem Fleckenentferner zum Opfer, der so gut funktioniert, dass der Geist diesen Fleck mit Malfarben jede Nacht auf's neue Auftragen muss. Für die klirrenden Ketten wird dem Gespenst Schmieröl angeboten, seinem Stöhnen soll mit einem Hals- und Rachenmittel abgeholfen werden und überhaupt, sollte der Hausgeist nicht Miete zahlen, überlegt sich der neue Hausherr. Immer wieder versucht es der Geist, der sich als Künstler sieht, sich schminkt und kostümiert, in neuen Rollen, den Bewohnern Angst einzujagen. Dargestellt wird das in episodenhaften Kurzszenen. Jeder Versuch scheitert auf der ganzen Linie. Die halbwüchsigen Zwillinge ( Denise Wernley und Rachel Hauge – herrlich umtriebig und gemein) schaffen es sogar, Sir Simon zu ängstigen, gießen Wasser über seinen Kopf aus und werfen ihm eine Torte ins Gesicht. Matthew Trevino bietet mit seinen Auftritten als Kopfloser oder als Axtmörder dabei einen großen Unterhaltungswert, der sowohl bei jüngeren als auch bei älteren ZuschauerInnen ankommt. Seiner Figur bringt es indes keinen Erfolg. Das Gespenst muss erkennen, dass seine Zeit vorbei ist, der Künstler hat sein Publikum verloren. Aber ein Geist kann schlecht in Rente gehen.

 

Virginia hat Mitleid mit Sir Simon / Foto: Kirsten Nijhof Wie bei Oscar Wilde so erbarmt sich auch in Gettys Oper das junge Mädchen Virginia und hilft Sir Simon seine Erlösung zu finden. Ähnlich wie in der Vorlage bleibt auch in der Aufführung, die Art und Weise, ungeklärt. Nach längerer Abwesenheit taucht Virginia als Lady im schwarzen Abendkleid mit Schmuck behangen und einem Schatzkästchen in den Händen wieder auf und verkündet ihrer Familie, dass der Geist seine Ruhe gefunden habe.

 

Ein Jahr später: Virginia mit Cecil am Grab /Foto: K. Nijhof In einer epiloghaften Abschlussszene, die ein Jahr später auf besagtem Friedhof vom Anfang spielt, versucht Virginias Ehemann Cecil, ihr das Geheimnis der Erlösung zu entlocken. Doch sie hält sich bedeckt. Stattdessen singen beide mit „Stay with me Beautiful“ die schönste musikalische Passage des Einakters. Dann ist die Oper auch schon vorbei, nach knapp 75 Minuten bester Unterhaltung.

In Anwesenheit des über 80-jährigen Komponisten erhielten Jennifer Porto und Matthew Trevino den kräftigsten Applaus am Schluss.

 

Bühnenbild von Der Abend in der Oper Leipzig war damit allerdings noch nicht zu Ende, sondern ging in eine Pause. Nach der Pause stand Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“ (Der Bajazzo) von 1892 auf dem Programm. Vom Metier her auch eine Künstleroper und damit eigentlich eine gute Ergänzung zu „The Ghost of Canterville“. Die Oper in zwei Akten und einem Prolog, fing auch schon vor „Ghost“ an, indem Regisseur Anthony Pilavacci den Pagliacci-Prolog beiden Opern vorangestellt hatte. Klingt kompliziert und ging auch nicht gut auf. Die italienische Schauspieler-Rede-Arie, gesungen von Anooshah Golesorkhi, passte nicht wirklich, zum anschließenden Getty-Stück, weder musikalisch noch thematisch. Aber es sollte ein Rahmen abgesteckt werden und irgendwie mussten beide Stücke ja zusammenhalten. Der „Pagliacci“ in der Oper Leipzig trumpfte vor allem musikalisch auf. Matthias Foremny lies das Gewandhausorchester kraftvoll aufspielen, den Musikern wurden wenigstens jetzt richtige Melodien abgefordert. Opernchor und Kinderchor konnten stimmlich auf einem Niveau mithalten.

 

Marika Schönberg als Nedda / Foto: Kirsten Nijhof  Silvio will Nedda zur Flucht überreden / Foto: Kirsten Nijhof Vor allem Marika Schönberg als Nedda und Jonathan Michie als ihr Liebhaber Silvio überzeugten gesanglich. Letzterer sang bereits im ersten Teil die Rolle des Hiram Otis. Auch Dan Karlströms Harlekin musste sich nicht verstecken und konnte seiner Tenorstimme vor allem im Stück im Stück freien Lauf lassen. Anooshah Golesorkhi gab den Tonio brutal und bösartig intrigant. Seine Liebe zu Nedda wirkte eher von Trieben als von Gefühlen gesteuert. Allerdings können alle anderen Darsteller noch so gut sein, die Inszenierung steht und fällt mit ihrem Pagliacci.

 

Raymond Very als Bajazzo Canio / Foto: Kirsten Nijhof Der Canio, Theaterleiter einer kleinen Commedia-dell-arte-Truppe, wurde in Leipzig als dicklicher, alter Charlie-Chaplin-Verschnitt dargestellt. Raymond Very gab sich alle Mühe dieser Figur Profil zu geben, doch mehr als einen weinerlichen Klotz mit Hang zu Gewaltausbrüchen durfte er nicht zeigen. Seine Gesangsleistung blieb davon unberührt. Mit seiner Stimme hielt er das Publikum in seinem Bann. Leider schaffte dies die Inszenierung an keiner Stelle, da nützte auch ein Dreifachtod am Ende (Canio bringt nicht nur seine untreue Ehefrau und deren Liebhaber, sonder auch sich selbst mit dem Messer um) nicht viel. Die Inszenierung kam blutleer, kalt und traurig daher, so als wären alle guten Ideen des Regieteams schon in „Ghost“ geflossen.

 

Szene aus Dem „Pagliacci“ blieb dann größtenteils bloßes Opern-Steh-und-sitz-Theater vorbehalten. Man hielt sich fest und wieder los, saß auf einer Truhe oder Treppe, kniete auf dem Boden und sang oder tanzte. Das Stück im Stück war ganz nett anzusehen, aber auch da wäre mehr drin gewesen. Etwas Personenregie hätte nicht geschadet, vor allem dem Pagliacci nicht. Überhaupt fragt sich der Zuschauer, warum es Nedda mit diesem Langweiler so lange ausgehalten hat und nicht schon früher geflüchtet ist.

 

Der Kürze der Oper, den schönen Stimmen und dem sehenswerten ersten Teil des Abends ist es zu verdanken, dass dieser Doppelabend teilweise empfehlenswert ist. Wer mit einem wirklich guten Gefühl aus der Oper gehen möchte, hätte dies allerdings schon in der Pause tun können.

Weitere Aufführungen des Doppelabends "The Canterville Ghost" / "Pagliacci" sind am 14. Juni um 18:00 Uhr und am 25. Juni um 19:30 Uhr in der Oper Leipzig zu erleben.

 

 

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